Vor 17 Jahren hat Claudia Hackmann ein fremdes Herz erhalten, denn seit ihrer Geburt hatte sie einen seltenen Herzfehler. Mit der Operation damals begann für die heute 43-Jährige ein neues Leben.
Ein bisschen nervös sieht sie immer dem Untersuchungstermin entgegen. Alle zwei Jahre muss Claudia Hackmann in die Uniklinik Münster. „Zum Herz-Katheter schieben“, sagt sie. Im Februar ist es wieder soweit. Vor 17 Jahren wurde die heute 43-Jährige in der Uniklinik operiert. Sie bekam ein neues Herz.
Damals war ihr Gesundheitszustand äußerst schlecht. Mit einem seltenen Herzfehler geboren, hatte sie bereits in ihrer Kindheit jede Form von Anstrengung vermeiden müssen, durfte weder am Schulsport teilnehmen noch rennen oder Fahrrad fahren. Irgendwann ließen die Ärzte keinen Zweifel daran, dass nur eine Herztransplantation sie würde retten können.
Mit der Operation begann für sie ein neues Leben. Und diese Erfahrung hat sie geprägt. „Man genießt die einfachen Dinge im Leben viel mehr“, sagt sie. „Es muss nicht immer so pompös sein.“
Den Namen des Organspenders, dem sie ihr neues Herz verdankt, kennt sie nicht. Sie weiß nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. „Das ist auch gut so“, sagt sie. Und es sei ihr auch damals gesagt worden, dass dies ausdrücklich so sein solle. Aber natürlich empfinde sie große Dankbarkeit für diesen Menschen. Aber: „Ich bin damals aufgewacht und habe mir gesagt: „Das ist meins.“ Und die Ärzte hätten sie darin bestärkt. Das sei eine gute Einstellung.
Von den Mythen, die manchmal um Herztransplantierte und deren Lebensgefühl gesponnen werden, hält sie nicht viel. Ihr habe mal jemand gesagt, sie könne dann ja nie mehr sagen, dass etwas von Herzen kommt. „Das ist Quatsch“, sagt sie entschieden. „Das kommt nur, weil die Menschen so viel mit dem Herzen verbinden. Aber das Herz ist ein Organ. Wie Lunge oder Niere auch.“ Ja, es gebe Leute, die so etwas sagen wie: ’Seit ich transplantiert bin, spiele ich Schach‘. Aber sie könne mit sowas nichts anfangen. „Ich bin noch immer derselbe Mensch, ich bin immer noch ich.“
Eigentlich sei ihr Leben mit dem transplantierten Herzen ganz normal, sagt sie, während ihr Lebensgefährte Manfred Bäumer (49) den Kopf wiegt: „Ich war ganz schön schockiert, als ich gesehen habe, wie viele Tabletten sie einnehmen muss“, sagt er. Noch immer sind zwei Tabletten täglich nötig, um zu vermeiden, dass das Herz vom Körper abgestoßen wird. Eine Magentablette gegen deren Nebenwirkungen, eine Pille gegen zu hohe Cholesterinwerte, zwei, um die Nieren zu schonen. „Wenn ich starke Kopfschmerzen habe, versuche ich aber ohne Tablette auszukommen“, sagt Claudia Hackmann. Auch um die Nieren zu schonen. „Viele Herztransplantierte brauchen irgendwann neue Nieren“, erläutert sie.
Sie kennt sich gut aus mit allem, was mit dem Thema Herztransplantation zusammenhängt. Von 2009 bis 2011 leitete sie die rund 200 Mitglieder zählende „Selbsthilfegruppe Herztransplantierte Münster und Umgebung“. Das stelle emotional hohe Anforderungen sagt sie. „Ich habe dieses Ehrenamt mit einem weinenden und einem lachenden Auge abgegeben“, sagt sie. Engen Kontakt mit der Uniklinik Münster habe sie aber nach wie vor. Die Bitten um Spenden, das Vorbereiten der Themen für die Gruppentreffen, Schulungen und Vorträge: „Das schafft man auf Dauer nicht, wenn man voll berufstätig ist.“
Ihren Alltag hat die Verwaltungsangestellte voll im Griff. Nur eins: „Es wäre schön, wenn ich mehr ins Wasser dürfte.“ Ihr Freund ist „eine Wasserratte“. Sie darf aber wegen der Infektionsgefahr in kein Hallenbad.
Sie habe es leichter gehabt als andere, mit solcher Vorsicht zu leben, meint sie. „Ich war von klein auf krank und war immer daran gewöhnt, nicht alles machen zu können.“ Jemand, der immer alle Freiheiten leben konnte und sich plötzlich nach einer Transplantation einschränken müsse, habe es da schwerer.
Ihre positive Lebenseinstellung dürfte auf jeden Fall zu den Eigenschaften gehören, die ihr Lebensgefährte besonders liebt. „Wir kennen uns ewig und die Sympathie war schon immer zwischen uns da. Und jetzt ist es Liebe“, sagt Claudia.
Dass Claudia herztransplantiert ist, habe ihm allerdings schon zu denken gegeben, bevor seine Entscheidung fiel, mit ihr zu leben, gibt Manfred Bäumer zu. Die Angst davor, dass ihr etwas passieren könnte. Aber schließlich habe er sich gesagt: „Auch ein Kerngesunder hat keine Garantie darauf, es auch morgen noch zu sein.“ Aber etwas, worüber er früher nie nachgedacht habe, macht ihn heute wütend: „Warum ist es nicht, wie in anderen Ländern, von Gesetzes wegen so, dass jeder Organspender ist, solange er dem nicht ausdrücklich widerspricht?“ |